Schwestern und Brüder vom heiligen Benedikt Labre e.V.

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Presse
 
Christ in der Gegenwart vom 21.10.2001 | Ein Haus, nicht die Straße
Münchner Merkur vom 14.4.2003 | Obdachlose träumen von einem neuen Zuhause
Süddeutsche Zeitung, Landkreis Süd vom 7.4.2003 | Bausteine für ein Obdachl
Charismen vom Februar 2010 | Leben mit Obdachlosen
 


veröffentlicht in der Zeitschrift "Charismen", 22. Jahrgang, Nr. 2/2010 von Andrea Fleming
 
Leben mit Obdachlosen
 
Seit fast dreißig Jahren lebt Walter Lorenz mit Obdachlosen zusammen. Vier Häuser gibt es für diese originellen WGs inzwischen in München. In jedem Haus gibt es eine kleine Gemeinschaft von Männern und Frauen, die in dieser Arbeit ihren persönlichen Lebensweg gefunden haben. Sie nennen sich "Brüder und Schwestern vom Heiligen Benedikt Labre", nach einem jungen Römer, die vor 100 Jahren als Bettler gelebt hat und im Ruf der Heiligkeit gestorben ist.
 

Gut bürgerlich gediegenes Wohnviertel, gepflegte Vorgärten, sauber weiß getünchte Einfamilienhäuser - die zwei Häuser am Ende der Straße fallen mit ihren bunt gestrichenen Gartentoren und der großen bunten Friedensfahne in Regenbogenfarben ein bisschen aus der Reihe. Auch ihre Bewohner würde man in dieser Gegend eigentlich nicht vermuten: Hier leben die "Freunde von der Straße", wie Walter Lorenz sie nennt. Walter Lorenz hat diese zwei Häuser gekauft und ist mit seiner originellen WG vor zwanzig Jahren hier eingezogen.

"Gott hat mich an sich gezogen. Und wenn man Gott liebt und mit ihm einen Weg geht, dann drängt es einen automatisch zu den Menschen hin. In der Heiligen Schrift zieht es sich ja durch wie ein roter Faden, dass Christus die Armen sehr liebt. Und mich hat es zu den Ärmsten der Armen hingezogen, zu denen, die auf der Straße leben."


Von Ihm angeschaut
Der 66-Jährige sitzt im bunten Wollpulli und dunkler Hose auf der Gartenbank vor einem der Häuser und genießt die Sonne. Seine langer grauer Bart geht ihm fast bis zum Gürtel - er hat sich auch vom Äußeren fast seinen Freunden angepasst. Lokführer war er, hatte Frau und zwei Kinder, als er in große innere Not geriet. Zu Hause ging nichts mehr und er war in ein Wohnheim am Hauptbahnhof gezogen. Eine eigentümlich Begegnung in der Stadt riss ihn aus seiner Hoffnungslosigkeit: "Ich hatte meine Schwester besucht und war auf dem Heimweg. Sie hatte mir einen Kuchen geschenkt und als ich durch die Fußgängerzone lief, kamen mir zwei Bettler entgegen. Die waren total verdreckt, hatten eitrige Augen und sahen schlimm aus. Da kam mir die Idee, ihnen meinen Kuchen zu schenken, ich hätte von meiner Schwester sicher einen neuen bekommen. Ich gab ihnen die Hand und dann meinen Kuchen und als ich ihnen in die Augen schaute, da war mir, als wenn mich durch diese Augen Jesus Christus anschaut und das hat mein ganzes Leben verändert."

Es war ein langer Weg, er hat viel geweint, gebetet und mit Gott gerungen, bis er sich sicher war, wie sein Weg aussehen sollte, wo Gott ihn haben wollte. In einem Karmelitinnen-Kloster in Frankreich bekommt er dann die letzte Bestätigung. Gott neigt sich dem Menschen immer durch den Menschen zu, diese Erfahrung hat das Leben von Walter Lorenz tief geprägt. Eine junge Ordensschwester setzt sich nach der Vesper neben ihn und hält ihm wortlos ihre Bibel hin. Aufgeschlagen ist Jesaja 43, es geht um die Heimkehr des Volkes Israel. Und da trifft ihn die Zusage Gottes an sein Volk, als seien die Worte an ihn persönlich gerichtet: "Wenn du durchs Wasser schreitest, bin ich bei dir... Wenn du durchs Feuer gehst, wirst du nicht versengt... Ich habe dich eingezeichnet in meine Hände... Weil ich dich liebe."


Jesaja ganz konkret
Wenn es ein Wort gibt, das über seinem Leben steht, dann sei es dieser letzte Satz, erklärt Walter Lorenz. Und das wolle er auch den Freunden auf der Straße vermitteln. Deswegen fahren jeden Abend Männer und Frauen in einem blau bemalten Kleinbus durch die dunklen Gassen der Stadt und verteilen Tee und Brote. Jeden Sonntag fährt Lorenz selbst mit und sucht seine Freunde auf. Inzwischen kennt er ihre Lager unter Brücken und in Parks und bietet immer wieder dem ein oder anderen an, in eines seiner Häuser zu ziehen. Das Kriterium für die Aufnahme sei die Not: Manche durchleben gerade eine schwere Zeit und gehen auf sein Angebot eines trockenen, warmen Zimmers und regelmäßigen Mahlzeiten ein. Ganz am Anfang hat er sie in seiner eigenen Wohnung aufgenommen, als es dann fünf gleichzeitig waren, ging das nicht mehr und er musste eine größere Bleibe suchen. Inzwischen haben sich einige Grundregeln etabliert, die das Zusammenleben einfacher machen: Jeder Bewohner hat sein eigenes Zimmer, muss aber vier Stunden am Tag mit Hand anlegen bei der Haus- und Gartenarbeit. Die Häuser sind sehr wohnlich eingerichtet, sauber und gepflegt. Liebevoll werden alte Möbel wieder hergerichtet und so zusammengestellt, dass damit ein behagliches Zuhause entsteht. Nichts erinnert an ein Wohnheim, man hat eher den Eindruck, bei einer großen Familie zu Gast zu sein. Der Alkoholkonsum wird auf vier Flaschen Bier am Tag reduziert, die können die Bewohner dafür aber im Haus kaufen. Auch das Geld wird eingeteilt und nur in kleinen Mengen ausgezahlt.


Gleichgesinnte
Immer wieder klingeln Obdachlose an der Tür, weil sie bei Walter Lorenz wohnen wollen, nicht alle halten es aus und gehen nach einigen Wochen wieder. Das Leben in Gemeinschaft ist nicht jedermanns Sache. Walter Lorenz hat auf seinem Weg schon bald Gesellschaft bekommen und allein hätte er so nicht leben können - das sagt er deutlich. In jedem Haus leben drei bis vier Männer und Frauen, die ihr Leben ebenfalls den Freunden der Straße gewidmet haben, Grundgemeinschaften haben sie sich genannt. Einige von ihnen sind Ordensfrauen, die für einige Zeit mitleben, und dann entweder wieder in ihre Klöster zurück kehren oder sich ganz für ein Leben mit den "Brüdern und Schwestern vom Heiligen Benedikt Labre" entscheiden. Ihr religiöses Leben ist sehr einfach strukturiert: Außer dem Morgen- und Abendgebet in den kleinen Hauskapellen gibt es keine festen Gebetszeiten. Einmal in der Woche kommt ein Priester in jedes Haus und feiert eine Heilige Messe. Die Bewohner des Hauses wissen von den Gebetspraktiken, sind aber frei, daran teilzunehmen oder nicht. Zu den Mahlzeiten wird ein kurzes Tischgebet gesprochen, das gehört inzwischen für alle dazu. Walter Lorenz will die Bewohner des Hauses nicht durch fromme Worte überzeugen, sondern ihnen durch sein Leben einen Beweis echter christlicher Liebe geben. Viele Bewohner haben in ihrem bisherigen Leben nur wenig Liebe erfahren, sind misstrauisch und skeptisch. In den Häusern des Heiligen Benedikt Labre treffen sie das erste Mal auf Menschen, die nur für sie da sind, die sich um ihr leibliches und auch ihr seelisches Wohl kümmern, die sie durch schwere Zeiten begleiten und sie immer wieder aufnehmen. Einer hat ihnen einmal im betrunkenen Zustand eine Matratze angezündet und ist dann verschwunden. "Da sind die Schwester Elisabeth und ich auf die Suche nach ihm gegangen. Ich hab dem Herrgott gesagt: Suchen tu ich ihn, ich leih Dir meine Hände und Füße - aber finden musst du ihn. Am Bahnhof auf dem Weg zur Bahnhofsmission haben wir ihn dann gefunden und ich hab ihn gefragt: Klaus, willst Du wieder nach Hause kommen?" Das habe den Mann total verblüfft, erzählt Lorenz lächelnd. Nie hätte er gedacht, dass er sich noch mal im Haus an der Pommernstraße blicken lassen könnte. "Ja und dann feiern wir ein Fest, wie in der Bibel in der Geschichte vom verlorenen Sohn: Da wird ein gutes Essen gekocht, der Heimgekehrte bekommt saubere Kleidung, nimmt ein heißes Bad. Einen Ring kann ich ihm nicht an den Finger stecken, ich hab keinen. Aber er soll spüren: Wir freuen uns, dass du wieder da bist, du hast ein Zuhause, wir haben dich gern!" Für Klaus sei diese Begegnung einschneidend gewesen. Seitdem habe er mit dem Trinken aufgehört.


Die Verachteten und Leidenden auf der Straße
Walter Lorenz zieht es vor allem dort hin, wo Jesus ihm in den Verachteten und Leidenden auf der Straße begegnet. Ihm fällt dabei immer das Gleichnis vom Hirten ein, der die 99 Schafe zurück lässt, um das eine verlorene zu suchen. Immer wieder fragen ihn die Obdachlosen selbst, warum er das mache. Warum er nicht daheim lieber vor dem Fernseher sitze. Er schmunzelt. "Könnt ich schon. Aber ich mag meine Freunde von der Straße wirklich gern und mich zieht es zu ihnen. Bei den Ärmsten der Armen kann ich Gott am tiefsten finden." Und das Geschenk der menschlichen Zuneigung sei durchaus gegenseitig. "Nicht nur sie erfahren Heilung durch die Begegnung mit uns, auch wir bedürfen der Heilung und die fließt auch von ihnen zu uns zurück." Die Brüder und Schwestern vom Heiligen Benedikt Labre wollen das Evangelium verkünden durch ihr einfaches Leben mit den Armen und teilen alles mit ihren Freunden. Nicht immer ist das leicht. Und es habe immer wieder Momente gegeben, an denen er nahe daran war, aufzugeben. "Das sag ich dem Herrgott dann aber auch. Du hast doch gesagt, dein Joch sei leicht - das kommt mir aber im Moment nicht so vor. Schau halt, dass Geld herkommt, wir kommen sonst nicht weiter." Und kurz darauf sei Geld aus einer Erbschaft angekommen. Inzwischen sind sie ein eingetragener gemeinnütziger Verein, damit auch vor dem Staat alles geregelt ist. Zum Glück sei er mit einem zähen Charakter ausgestattet. "Wenn ich mich mal irgendwo festbeiß, dann lass ich nicht mehr los." Ein befreundeter Rechtsanwalt habe ihm mit der Satzung geholfen und inzwischen sei ein ganzes Netzwerk an Unterstützern gewachsen. Große Versicherungen, kleine Firmen, die katholische Männerfürsorge oder die Arbeiterwohlfahrt - wenn Not ist, weiß Lorenz, wo er Hilfe finden kann und oft kommt die Unterstützung punktgenau zum richtigen Zeitpunkt. Wie auf ein geheimes Stichwort fährt während des Gesprächs ein Taxi vor, der Fahrer steigt aus und reicht Walter Lorenz einige leere Schüsseln und Eimer über den Zaun. "Der kommt regelmäßig und holt Lebensmittel für zehn Arme, die er versorgt. Wir bekommen viel geschenkt und können es dann weiter verteilen." Draußen im Garten steht eine Kühlzelle, in der sie frische Lebensmittel lagern können und die Gruppen aus den anderen Häusern kommen regelmäßig vorbei und decken sich ein.


Die kleine Schar der Engagierten
Doch der ganze äußere Rahmen könnte nicht bieten, was die kleine Schar der Engagierten im Leben miteinander gefunden hat: Hier ist echte Freundschaft und Zuneigung zu spüren - da sorgt man sich umeinander, wenn es mal viel oder einer krank wird. Jeder für sich hat seine Entscheidung getroffen, sein Leben in den Dienst der Armen und Leidenden unserer Gesellschaft zu stellen und sie tun das aus Liebe zu Gott. Und von ihm fühlen sich sich sorgend und liebevoll begleitet und vertrauen ihm im Gebet ihre Nöte und Sorgen an. Ja und dann diskutieren sie miteinander, wenn sie etwas entscheiden müssen oder ein Problem zu klären ist. "Ich bin hier nicht der Chef", betont Walter Lorenz. "Klar sag ich manchmal deutlich, was ich denke und kann auch mal laut werden, wenn einer unserer Bewohner ausfallend wird. Aber wenn wir in einer Sache nicht weiter wissen, dann setzen wir uns zusammen und besprechen es." Um selbst Kraft zu schöpfen, ziehen sich auch hin und wieder zu einem "Tag der Stille" mit einem Jesuiten zurück. Oder sie machen gemeinsam einen Ausflug, besuchen gemeinsam eine Kirche, gehen spazieren und genießen die Natur, die sie direkt vor der Haustür haben. Walter Lorenz erholt sich auch bei einer guten Pfeife draußen in der Sonne vor dem Haus in der Pommernstraße. Und wenn er dann Bilanz zieht über sein Leben, ist er zutiefst zufrieden. Er habe Gottes Zuneigung immer wieder durch Menschen erfahren und das wolle auch er weiter geben. "Gott wendet sich dem Menschen durch Menschen zu. Es stimmt, ich bin durch manches Feuer gegangen und musste durch tiefe Wasser durch. Aber und wenn ich zurück blicke, dann kann ich nur sagen: Herrgott, du warst Spitze!"